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Der lichte Ariel
(Kopf-Übung)
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Katzen, die ihr Dasein ungewollt
als Schmusetiere und lebende Fusswärmer in engen Wohnungen fristen, fallen oft mit ihren
selbst ernannten Besitzern in den Abgrund menschlicher Schwächen: sie plagen sich durchs
Leben. Sie lecken, und sind sie noch so durstig, die Milch fein säuberlich dem Rand
entlang aus der Schüssel, um sich ja nicht die Schnauze oder den Bart zu nässen. Der
Anstand gilt mehr als der Durst. Liebesobjekt alter Frauen sein, Wohlgefallen wahren und
katersche Wolllust verleugnen, nein, dieses Leben ist nicht sein Leben. Das weiss Ariel,
dieser bis in die Schnurrbartspitzen schlaue Kater, seitdem er August und seiner Bande
begegnet ist. |
| Die Rotte amüsiert
sich in dieser Nacht köstlich. Ariel, einer nuanciert-tiefschürfenden Ausdrucksweise
mächtig, gibt Erfahrungen mit der Tierpsychologin Ding-Dong preis, zu denen er von der
Besitzerin seines Fressnapfes genötigt wurde. (Selbst der schlimmste Stubentiger gehört
niemandem, er ist höchstens dazu bereit, sich füttern zu lassen.) »Freunde« hebt der
etwas füllig gewordene Kater an, »Freunde, stellt euch dieses vor: dieser kurzhaarige
Blaustrumpf will mir unterjubeln, Fettleibigkeit stehe einem Katzentier, das den stolzen
Namen des Lichtgottes trägt, schlecht in die Schnauze und überhaupt, viel fressen mache
unglücklich!« Der Hinterhof dröhnt, tausendfach echot es von den Mauern wider die
dünnen Hetzer und lustfeindlichen Wichtigtuer. »Und was steckt hinter dieser Behauptung
der von der Liebe Enttäuschten?« Ariels Stimme wirkt sehr kompetent. »Wir wissen es
alle, Menschen sind wie Katzen: die hungrigen sind viel artiger als die satten!« |
| Ariel macht sich
zufrieden auf den Heimweg. Bei seinen Gedanken an die Ereignisse im Hinterhof überkatert
ihn selbstverliebt eine wohlige Genugtuung, er ist stolz auf seine intellektuelle Begabung
und rhetorische Brillanz. Sein Gang, an den Filmhelden »Lion King« mahnend, führt den
Kater über das Brückengeländer dem Steinbruch zu. Da nimmt er es zum ersten Mal wahr:
der helle Mondschein projiziert seinen eleganten Körper in gigantischer Grösse an die
steile, kahle Felswand. Zuerst etwas beklommen, dann aber freudig miauend betrachtet er
sein lichtgezeichnetes Abbild. Regungslos dastehend gebiert Ariels Kopf die schlaue Idee,
wie auch er dem Riesen Undru helfen kann. |
| Wieder eine wunderschöne Mondschein-Nacht.
Undru lässt sich herzhaft verwöhnen. Seine Füsse baumeln im Flussbett, angenehm kühl
umströmt, sein Kopf lehnt friedlich an den Berg. Ariel führt seine Pfote sanft über die
Stirne des Riesen, die Spitzen seiner Ohrmuscheln berühren unmerklich die Schläfen und
der Schwanz zeichnet liebevoll die markanten Linien seiner Veraguth'schen Falten nach.
Undru schaut vergnügt zu, wie die kleine Katze im Tal mit dem Licht des Mondes spielt und
seinem Kopf in den Bergen Gelöstheit und Entspannung verschafft. So leicht und frei hat
sich der Kopf des Riesen noch nie gefühlt. |
| Irgendwann ergibt sich das Mondlicht langsam
der aufkommenden Dämmerung und die gigantischen Streichelbewegungen fallen stufenlos auf
Ariel zurück. Dieser entschwindet mit leichten Gedanken seinem Fressnapf entgegen. Es
kann kein Zufall sein: Kater reimt sich vorzüglich auf Berater, aber auf Mensch reimt
sich nichts Heilbringendes. Ist der Mensch nichts weiter als ein ungereimtes Tier? |
| Ja, der lichte Ariel bewirkt nicht nur viel
Aufsehen, sondern auch grosse Wirkung. |
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