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Die mutige Mieze
(Leib-Übung)
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Der Morgen ist nicht wie jeder
andere: nach einem selbst für Katzen Furcht erregenden Gewitter ist die Lust auf den
Inhalt des Fresstopfes gross genug, um den Heimweg unter die müden Pfoten zu nehmen.
Dieser Gang weckt oft wehmütige, tief zurückliegende Erinnerungen: der im Morgengrauen
erhaschte Spatz oder die erlauerte Taube haben mehr als den Hunger gestillt. Auch Katzen
sind zu Philistern geworden. Sie räkeln sich auf dem gemütlichen Ofen, der für
Sicherheit bürgt, und meiden das freie Dach, das sicheres Gleichgewicht und somnambule
Gelassenheit verlangt. |
| Mieze kennt weder
Heizkörper noch andere technische Errungenschaften, die das kätzische Dasein an die
Grenze dessen bringen, das die Menschen als vegetieren geisseln. Auch die kleine Mieze,
namen- und obdachlos, verlässt den Hinterhof und beschnuppert den erwachenden Tag.
Federnden Ganges stolziert sie durch die Gassen, einer spielerischen Balgerei harrend,
angereichert mit Vogelschlag und Mäusesprung. Sie steuert gutgelaunt dem Friedhof zu und
... ihr stockt der Atem, der Schwanz rollt sich blitzschnell unter den Bauch und
unsichtbare Pfoten reissen die unerfahrene kleine Katze zurück in den Hinterhof. Sie
platzt in die Aufbruchstimmung: »...doch, glaubt mir, ich habe es gesehen. Ein
Lichtmonster mit einem farbig schillernden Schweif, der sich über die ganze Stadt legt,
der weder einen Anfang kennt noch ein Ende.« Mieze schöpft ausgiebig Luft: »Farbbahnen,
einander überlappend, jede einzelne unermesslich breit, viel breiter als der Wasserfluss
unterhalb der Kirche, also so riesig ...« Die älteren Artgenossen hören zu, ihre
Gedanken pendeln zwischen Angst und Neugier, die Stimmung schwingt von der Verwunderung
zur Ungeduld. August unterbricht mit seinem schneidenden Miau das Rätselraten über
mögliche Ungeheuer, die sich ausstreckend des Himmels bemächtigen und kleine Katzen
ängstigen: »Wir gehen hin und überzeugen uns mit eigener Schnauze. Mieze, du gehst
vorneweg!« Die Streunerin erschrickt: »Nie, nie wieder gehe ich zum Friedhof, nie
wieder.« Die Hinterhof-Bande kramt dasjenige Geschick an den Tag, das die Zweibeiner das
pädagogische nennen. Sie überzeugen die Mieze mit grosser Redekunst, sich dem Katzenzuge
auf dem Weg zum »Monster« anzuschliessen. |
Mieze ist froh,
dass Katzengesichter keine Schamröte kennen. Das dröhnende Gelächter ihrer Kameraden
begleitet sie in ihren lottrigen Unterstand. Namenlose Katzen sind Überlebenskünstler
und Mieze ist entschlossen, die Geheimnisse des Lebens zu erkunden. »Den Wissenschaften,
den Heilmethoden nachstellen statt den Mäusen, das will ich«, bekräftigt sie mit einem
gedehnten Gähnen, »ab morgen umpfote ich die guten Geister und lieben Menschen zärtlich
und zeige den bösen fauchend mein spitzes Gebiss.« Zufrieden schleicht der kleine Freund
grosser Pläne in Morpheus' Arme und ...
»... hörst du mich, kleine Mietze? Ich erfülle dir deinen sehnlichsten Wunsch. Du wirst
dem Riesen Undru helfen, seine Gesundheit wieder zu finden. Ich führe dich zum
Regenbogen, er wird dich liebevoll auf seine kristallenen Flügel nehmen und sich auf
deine Bitte hin dem Hünen hauchdünn über den Bauch legen. Jede Farbe umfliesst ein
Organ deines Freundes mit strömender Wärme, die energievollen Kristalle durchfluten
seinen Oberbauch und bringen ihm Wohlsein und Entspannung. Undru wird sich lächelnd
zurücklehnen und brummen: Danke, kleine Mieze!« |
| Auch dieser Morgen
ist nicht wie jeder andere. Die Bassstimme des Riesen lässt die Erde beben. Die Katzen
der Hinterhof-Bande klemmen ihre Ohrmuscheln erschreckt an den Kopf. Der Tag ist erfüllt
mit »Danke, kleine Mieze.« |
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