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Die wollene Molly
(Wärme-Übung)
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Molly ist bezaubernd schön, wie
eine heilige Birma nur sein kann: tief und edel eingehüllt in ihr weisses Fellkleid sitzt
sie auf der Fensterbank und lässt ihre saphirenen Augen aus dem dunkel abgetönten Kopf
in die Welt strahlen. Molly liebt sich und ein wenig auch August. Sie lebt
behaglich beim Meister Eduard, einem weisen Professor der Metaphysik, dem böswillige
Neider nachsagen, er habe seiner Katze die Fähigkeit des Lesens eröffnet. Molly versteht
durchaus die Schriftzeichen der Menschen, die sehr stolz auf etwas sind, das in ihrem Kopf
sitzen soll und das sie Verstand nennen, zu deuten. Die Vorfahren der heiligen Birma
lebten im Schutz des Hohen Lama in den buddhistischen Tempeln und wurden als gottähnliche
Botschafter verehrt. Meister Eduard kennt das Geheimnis seiner fröhlich schnurrenden
Begleiterin und sie dankt es ihm mit einem Höchstmass an Gunst, die eine belesene Katze
einem aufrecht Gehenden entgegenbringen kann. |
| Molly liebt
Geschichten. Den Schwanz in den anmutigsten Windungen schlängelnd sitzt sie vor den
Quartierkatzen und brilliert mit den aufregendsten Erzählungen, die je an den Mauern des
Hinterhofes widerhallten. Auch heute thront die Birma vor der Katzenschar und wartet mit
nach aussen gedrehten Lauschern. Die Artgenossen kennen die stolze Molly: sie lässt sich
gerne bitten. Die kleine Mieze mit an vielen Stellen bis auf die Haut eingebüsstem
Pelzwerk fasst sich Mut: »Molly, erzählst du uns die Sage von diesem ... äh ...
Sonnengott, der seinem frierendem Sohn das Steuer des ... äh ... komischen Wagens für
einen Tag überliess?« Die fröstelnde Schar lässt sich begeistern: »Ja, schnurr uns
die Geschichte vom Sonnenwagen, sie gibt so schön warm, bitte!« Molly stellt ihre
abgerundeten Ohren nach innen: »Phaeton, der sterbliche Sohn des Sonnengottes Helios,
lebte unter den Menschen und teilte mit ihnen die Kälte der Erde. Der Frost nagte an
seinem Körper und der Spott der Leute, die seine göttliche Abkunft leugneten, frass sich
in seine Seele. Da beschloss Phaeton, seinen Vater zu suchen und ihn um das Steuer des
Sonnenwagens zu bitten, um sich und seinen Freunden die Wärme zu bringen. Der Sohn
vermochte nur aus der Ferne mit Helios zu sprechen, denn in der Nähe war das Licht und
die Hitze nicht zu ertragen. Der Vater erkannte seinen Sohn und liess das Gespann rüsten.
Die Achse und die Deichsel des Wagens schimmerten in purem Gold, die Räder waren silbern
und das Joch war mit unzähligen Juwelen besetzt. |
| Helios hebt seinen
Arm, die Pferde stürzen mit Glut atmendem Wiehern in die Luft. Der geflügelte
Sonnenwagen hebt ab und verlässt die kalte Frühe des Morgens, er teilt die Nebel und
findet seine Bahn über die Himmel. Die Rosse schweifen ab in erdnahe Lüfte, die Wärme
der aufgezogenen Sonne rennt den Wiesen und Wäldern, den Flüssen und Seen entgegen, sie
schleicht sich in die Herzen der Menschen. Phaeton spürt und geniesst diese Wärme, sie
steigt behaglich in seine Arme und Beine, erfasst wohlig seinen starken Körper, entspannt
seine Muskeln, umschliesst seine...« |
| Den lauschenden
Katzen wird es ganz warm, süsse Bilder von satten Mäusen ziehen an ihren zufriedenen
Seelen vorüber und August kann seine tiefblauen Augen nicht von der Erzählerin
wenden. Seit dieser Nacht sitzt die wollene Molly im Riesenohr des Undru und lässt ihn
als Steuermann des Sonnenwagens über die Himmel fahren und die Wärme spüren, während
sich August mit seiner ganzen Schwere belustigt über die Gliedmassen des Riesen rollt. |
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