Vorstellungen

Das Kind liebt Märchen, es fühlt sich bei der Fee geborgen und vor dem Mann im schwarzen Rock beschützt. Die farbigen Bilder der Erzählung füllen das Zimmer, der kleine Zuhörer taucht in eine wirkliche Welt ein, die gleichzeitig Schaudern und Entzücken hervorruft. 

Das Unterbewusstsein scheidet die Vorstellung nicht von der äusseren Wirklichkeit. Der erwachsene Mensch reagiert auf die täglichen Gefühle der Überforderung genau gleich, die aufkommenden, angstmachenden Bilder wirken unterhalb der Bewusstseinsschwelle auf den Bereich ein, den Melville «den unterirdischen Bergmann, der in uns allen arbeitet», charakterisiert. Dieser Knappe, der sich in den Träumen, nervösen Störungen oder Fehlleistungen meldet, vermag die objektiven Geschehnisse nicht von den eingebildeten Vorgängen zu trennen. Erinnern Sie sich an einen Streit mit Ihrem Nachbarn oder Vorgesetzten? Blicken Sie kurz über den Heftrand hinaus in eine beruhigende Landschaft und rufen Sie sich diese mehr oder weniger weit zurückliegende Auseinandersetzung ins Gedächtnis zurück! Was spüren Sie? Das Vegetativum generiert die damals erfahrenen Signale des Körpers und stellt neurologisch die Situation wieder her. Genauso antwortet das Nervensystem auf Ereignisse, die wir in der Vorstellung konstruieren. Der schüchterne Lokalpolitiker, der an seine bevorstehende Parteitagsrede denkt, spürt bereits die Schweissperlen auf der Stirn und die Hände, zitternd und feucht. Der Physiologe W. H. Carpenter (1873) beschreibt dieses Phänomen in seinem ideomotorischen Gesetz: jede Wahrnehmung oder Vorstellung einer Bewegung ruft einen Antrieb zum Vollzug der betreffenden Bewegung hervor. Auguste Forel entdeckte, dass die Vorstellung nicht nur Bewegung, sondern alle vegetativen Funktionen auslösen kann.

 

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