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ist nicht gleich Stress
Unser Organismus kontert unspezifische
Reize mit bestimmten körperlichen Reaktionen, die wir als
schnelleren Herzschlag oder beschleunigte Atmung wahrnehmen. Der
Arzt bezeichnet diesen Zustand wertneutral als Stress, der durch
eine grosse Freude oder Enttäuschung entsteht. Der Millionengewinn
provoziert eine weit heftigere Reizreaktion als der kurze Streit mit
dem Nachbarn. Damit ist nicht ausgedrückt, ob der Stress positiv
oder negativ erlebt wird.
Die Fachwelt spricht von Eustress und Disstress. Der heilsame
Stress, der Eustress, gehört zum erfüllten Leben. Beim ersten
Treffen ist der gutaussehende junge Mann für das Mädchen genauso
ein Eustressor wie das Aktenbündel für den ehrgeizigen und
tatenhungrigen Managernachwuchs. Diese gesunde Spannung ist
lebensnotwendig, sie ist
Antrieb und Bürge für die Gesunderhaltung des Gesamtorganismus.
Seyle, der Schöpfer des Wortes Stress (abgeleitet aus
stringere = spannen, fordern), bezeichnet diese Zustände als «Salz
des Lebens».
Die Menschen gehen sehr unterschiedlich mit Reizsituationen um.
Das ist eine Frage des Selbstwertgefühls, der Belastbarkeit und der
individuellen Werteskala, die durch sehr viele Faktoren geeicht ist.
Die Mahler-Sinfonie, die mich entspannt und wegträgt, jagt meinen
Freund sprichwörtlich die Wände hoch. Für ihn ist dieses
Musikstück ein Disstressor, ein krankmachender Reiz.
Strassenlärm, klirrende Kälte oder der verrauchte Arbeitsplatz
sind Stressquellen, die objektiv festgestellt werden können. In
diesen Situationen sind die Betroffenen fähig, gezielt zur
Verbesserung der Lage einzustehen. (Der Anwohner der stark
befahrenen Autostrasse möge mir diese Diminution seines täglichen
Ärgers nachsehen.) Diese Möglichkeit steht auch bei Konflikten und
grossen Enttäuschungen offen. Der krankmachende Stress gedeiht in
der Passivität, im Gefühl der Unfähigkeit, die Situation je zu
meistern.
Langanhaltender Disstress führt zu einer Überforderung, die
anschliessend in einen Zustand der Erschöpfung mündet. Neid,
Ärger, Hass und Missgunst sind gefährliche Stressoren, die das
Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems empfindlich stören. Der
Körper speichert die Bilder, die mit diesen gelebten, negativen
Gefühlen verknüpft sind. Jede vergleichbare Situation erzwingt die
Wiederholung der Stressreaktion, die nach längerer Zeit
gesundheitsbedrohende Ausmasse annimmt. Beständiger Disstress
verändert grundlegend die chemischen Prozesse des Organismus.
Wenn in diesem Artikel von Stress die Rede ist, ist damit
explizit der Disstress angesprochen.
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