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Artikel von René
Isenschmid
erschienen in der Zeitschrift NATÜRLICH Juni 98
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Entscheidungen bestimmen unser Leben. Was ist wichtiger: das Rätsel
oder die Lösung? Es gibt den Weg
ohne Ziel, die Lebensfurche, die ohne mein Zutun gepflügt wurde.
Aber gibt es auch Antworten auf nicht gestellte Fragen? Die
gefundene Lösung entspannt, wenn sie das Resultat einer
konsequenten und beharrlichen Suche ist. Konzentration, Ausdauer und
Disziplin schaffen die Spannung und Freude, die uns das Ergebnis so
richtig geniessenlassen, entspannt und selbstbewusst. Spannung und
Entspannung pendeln im natürlichen Gleichgewicht, das viele
Menschen nicht mehr ausgeprägt wahrnehmen. Gefühle der Angst und
der Überforderung ertränken brachliegende Ressourcen.
Sie wieder entdecken und in den Alltag integrieren ist das Ziel der
guten Entspannungstechnik. Das Autogene Training gehört zu ihnen!
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| Lieben Sie die Provence? Lassen Sie die
Bilder dieser ursprünglichen Gegend in Ihnen aufsteigen! Die weite
Landschaft nimmt Sie gefangen, führt Sie in die Welt geduckter
Wachholderbüsche und vergessener Mandelbäume, bizarr von Misteln
überwachsen. Durch das ausgetrocknete Flussbett strömt die Ruhe
ins Tal. Sie erleben den blauen Himmel ganz nah, lichte Wolken
ziehen wie Inseln vorbei. Der Alltag verliert sich in den
angrenzenden Schluchten, südliche Sonne schafft Wärme und
Geborgenheit. Sie tauchen wohlig ein in die Gelassenheit dieser
Gegend, atmen die süsse Luft. Ihre Augen ruhen auf Felsbrocken, die
seit Jahrtausenden unberührt liegen, durch den Mistral geformt. Die
Zeit ist belanglos. Die Gesänge aus dem längst verlassenen Kloster
legen sich behutsam über das Land. Hören Sie sie? Viele Menschen
wagen es nicht, spontan in eine entspannende Vorstellung zu
versinken. Das offene Feld der Phantasie verleitet zum
träumerischen Loslassen, entwindet der Erinnerung aber auch Bilder
der Bedrohung und Angst. Diese Bilder tanken täglich neue Kraft.
Oft sind die Gedanken an den Arbeitsplatz und die Familiensituation,
an Schule und Freizeit mit Stress, Nervosität oder Gefühlen der
Überforderung verknüpft. Ruhe und Gleichklang stehlen sich
unbemerkt weg, sie werden wertvolle Güter und eine Perspektive für
die Ferienzeit.
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Spannung - Entspannung
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| Wer Entspannung sucht, flieht die
Spannung. Wir schaffen aus der natürlichen Polarität, die unser
Dasein ordnet und der wir nur mit gesundheitlichen Störungen
zuwiderhandeln, technisch veränderbare Zustände unseres Befindens.
Das spannungsarme Leben ist die Sehnsucht vieler Menschen. In einer
stark automatisierten Umwelt erfahren sie den Spannungs- /
Entspannungsablauf als widersprüchliche, einander ausschliessende
Wirkungsweise. Die Lust und Zufriedenheit, die Schönheit und
Lebensfreude, die aus der Spannung erwachsen, werden kaum mehr
wahrgenommen. Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der
Anpassung. Der Mensch ist ein adaptives Wesen, er hat bisher auf die
sich ändernden Umweltbedingungen mehr oder minder erfolgreich
geantwortet. Erst in den letzten Jahrzehnten wächst sein
Leistungswille zum Leistungsdruck, schlagen seine Ansprüche an sich
selbst zur Überforderung durch Dritte aus. Das Pendel zwischen
Spannung und Entspannung schwingt über den Bereich der normalen
Funktion hinaus. Nervöse Störungen und somatisch begründete
Organerkrankungen sind die Folge. |
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Vegetatives Nervensystem
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| Das Verhältnis Spannung -
Entspannung ist weder eindeutig noch synonym zum Gegensatzpaar
Bewegung - Ruhe. Der verstopfte Darm steckt in einem Dauerkrampf,
bleibt dabei aber völlig bewegungslos. Normale Verdauungsregungen
zeigen das entspannte Innere und wirken beruhigend auf uns ein. Diese
Körperfunktionen werden durch das vegetative Nervensystem reguliert.
Es steuert die Spannung des Gewebes, insbesondere der Muskeln, und
reagiert empfindlich auf die geringsten Störungen des seelischen
Gleichgewichts. Der Ruhetonus, d. h. die Grundanspannung des ruhenden
Muskels, schwankt in bestimmten Grenzen, im Einklang mit dem
Temperament und der momentanen Stimmung des Menschen. Diese
Grundspannung beeinflusst das Wesen der Persönlichkeit stark, seine
physische und psychische Ausgeglichenheit. Wir bezeichnen diesen
Zustand, der uns alle Körperfunktionen gut aufeinander abgestimmt und
dynamisch erleben lässt, als Eutonie. Unterscheiden sich die
Tätigkeiten in ihrem Spannungs- und Entspannungsgehalt merklich,
diagnostiziert der Arzt eine vegetative Dystonie, ein Krankheitsbild,
das auf keine nachweisbare Organ- oder sonstige körperliche Störung
zurückzuführen ist. Das vegetative Nervensystem ist mit dem
Sympathikus und dem Parasympathikus der Impulsgeber unseres Körpers.
Der Sympathikus steuert die anregenden, zupackenden Signale, der
Parasympathikus die hemmenden, entspannenden. Entsprechend zeigt der
Organismus in den Phasen der Arbeit und Leistungsbereitschaft eine
schnellere Atemfrequenz und Pulstätigkeit, in den Zeiten der Ruhe und
Erholung eine bessere Durchblutung der Extremitäten und eine
angeregte, gute Verdauung. |
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Beispiel: Stress
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| Belastungen stören die Balance, hemmen
die Dynamik zwischen Anspannung und Entspannung. Der Mensch ist stark,
er versetzt täglich «Berge», widersteht grossem Druck und stellt
sich selbstbewusst sozialen Konflikten - wenn er immer wieder zu
seinem Gleichgewicht und seiner inneren Ruhe zurückfindet. Die
bekanntesten Störfaktoren sind Ärger und Angst in ihrer
Mehrdimensionalität. Der Körper reagiert mit einer erhöhten
Hormonausschüttung, mit steigendem Blutdruck, mit Gefässverengungen
und muskulären Verspannungen. Der kanadische Forscher Hans Seyle
fasste diese somatischen Rückwirkungen des Organismus im Begriff
Stress zusammen. Zuerst begegnet der Körper diesem Ungleichgewicht
mit erhöhter Widerstandskraft. Langanhaltender Stress und
fortdauernde Überforderung führen in einen Erschöpfungszustand, der
die Körperzellen schwächt und ihre Erneuerung sabotiert. Diese
Situation ist alarmierend. Schlaflosigkeit, Missmut ohne ersichtlichen
Grund, das zwanghafte Grübeln über einer beruflichen
Herausforderung, das weit über den Arbeitsschluss hinaus nicht mehr
zu unterbrechen ist - das sind deutliche Erkennungszeichen einer
ernsthaften Störung. Müdigkeit und schlechte Laune schmälern die
Leistung und belasten die sozialen Beziehungen. Planlose Hektik
ersetzt das gezielte Handeln, das Gefühl der Hilflosigkeit verdrängt
die gesunde Aktivität. Bei längerer Schlaflosigkeit wird die von der
Natur vorgesehene Zeit der Entspannung und Regeneration als quälend
und kräfteraubend erlebt. Der Teufelskreis schliesst sich: in dieser
Situation empfindet der Betroffene die an ihn gestellten Anforderungen
als unüberwindbar, während er merklich weniger Energie zur
Verfügung hat. |
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Hilflosigkeit schafft Stress
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| Unser Organismus bewältigt äussere
Anforderungen, mögen diese mengenmässig und inhaltlich eine grosse
Beanspruchung sein, vergleichsweise leicht. Eine geschickte
Organisation des Tagesablaufs, ausreichender Schlaf, sportliche
Aktivitäten und die ausgewogene Ernährung unterstützen die
körperlichen Systeme gut. Gefährlich wirken verschwommene
Vorstellungen und Gefühle der Überforderung, des Nichtgenügens.
Stress entsteht nicht aus dem objektiv messbaren Arbeitsaufkommen,
sondern aus der Vorstellung der nicht zu bewältigenden Belastung.
Immanuel Kant stellte im 18. Jahrhundert fest: «Das Feld dunkler
Vorstellungen ist das grösste im Menschen.» Abschalten ist keine
Lösung. Körperliche Warnsignale ignorieren oder mit Alkohol und
Medikamenten überfluten, ist selbstzerstörerisch. Der
Geschäftsmann, der nach seiner Sitzung im masslosen Jogging
Entspannung sucht, transformiert seine intellektuelle und emotionale
Hilflosigkeit in eine körperliche Erschöpfung. Die blosse
Stressvermeidung oder -unterdrückung stellt den harmonischen Zustand
des inneren Gleichgewichts nicht her. Es gilt, die Beziehung zum
eigenen Körper zu verbessern und die positive Wahrnehmung der
regulierenden Kräfte zu fördern. Wir finden damit zurück zum
aktiven Tun, die Hilflosigkeit schwindet. Die urtümliche
Funktionsweise des vegetativen Nervensystems hilft uns, mit gezielten
Vorstellungen den Gefühlen der Ohnmacht die Sogwirkung zu entziehen
und die Spirale der negativen Gedanken zu unterbrechen. |
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